Klingt jetzt nicht so aufregend, einmal um den großen Streng und zurück.
Denkste, zwischen Wartenburg an der Elbe und dem Wartenburg, das ich meine, liegen rund 740 Straßenkilometer.
Als Ort Wartenburg sind wir nicht allein auf dieser Welt.
In der Nähe des österreichischen Vöcklabruck gibt es eine Burgruine mit dem Namen Wartenburg, aber keine Ortschaft.
In Bayern taucht aus vergangenen Zeiten die Herrschaft Wartenburg auf, ohne dass ich sie bisher lokalisieren konnte, seit Jahrhunderten schon erloschen.
Unser bekanntester Namensvetter ist das heutige Barczewo bei Olsztyn (Allenstein).
Bis 1945 hieß dieses Barczewo noch Wartenburg.
Früher gehörte Wartenburg zu Ostpreußen, heute ist Barczewo Teil der Woiwodschaft Ermland/Masuren.
Also, in diesem Sommer waren meine Frau und ich im Urlaub im nördlichen Polen unterwegs.
Als heimatgeschichtlich interessierter Bürger hatte es doch einen gewissen Reiz, bei dieser Gelegenheit doch auch einmal das andere Wartenburg zu besuchen.
Gedacht, getan: Ein paar Flyer eingesteckt (mehr fiel uns nicht ein), das Auto am Rathaus abgestellt und dann erst einmal das Territorium erkundet.
Wie nähere ich mich dieser Stadt mit der Vorstellung: Hey, ich komme auch aus einem Wartenburg?
In der Nähe des Rathauses gab es ein kleines Museum, gewidmet dem Komponisten, Dirigenten und Organisten Feliks Nowowiejski, der 1877 in Wartenburg geboren wurde und noch heute in Polen sehr verehrt wird.
Und in diesem Museum trafen wir auf deren Leiterin Magda Lena Łowkiel, die sofort Feuer und Flamme war für den merkwürdigen Besuch aus einem anderen Wartenburg.
Wir mussten zur Kenntnis nehmen, dass wir niemanden getroffen haben, der unser Wartenburg kannte. Es gab ein „Aha“ und „Ist ja interessant“.
Magdalena schloss ihr Museum ab und zeigte uns ihre Stadt.
Vom Rathausturm hatten wir einen Überblick über die Stadt, der Bürgermeister hatte aushäusige Termine (auch gut so, wir hatten ja keinen Auftrag)
Barczowa hat heute noch 2 katholische Kirchen, die 1870/71 errichtete evangelische Kirche wurde nach 1945 säkularisiert. Bedingt durch die Vertreibung gab es keine Gemeinde mehr.
Heute dient die Kirche als Kulturzentrum.
Ebenfalls im 19. Jahrhundert wurde eine Synagoge errichtet.
Aufgrund stark zurückgegangener Gemeindemitglieder wurde das Gebäude 1937 an eine Privatperson verkauft und so überstand es die Pogromnacht 1938 unbeschadet.
Mit Kriegsende verfiel die Synagoge zunächst, bis sie um 2000 umfassend saniert wurde.
Heute dient sie unter anderem als Erinnerungsstätte und Gallerie.
Im Haus wurden wir sehr freundlich empfangen und hatten nette und informative Gespräche.
Den Gebäudekomplex mit den meisten Bewohnern (rund 700) haben wir nicht besichtigt.
Seit 1834 hat Wartenburg eine Strafanstalt, die quer durch die gesellschaftlichen Umbrüche bis heute in Betrieb blieb.
Erich Koch, ehemaliger Gauleiter von Ostpreußen und zum Tode verurteilter Kriegsverbrecher (später in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt), war hier von 1965 bis zu seinem Tod 1986 inhaftiert.
In den 80er Jahre waren auch zahlreiche Mitglieder der Solidarność inhaftiert.
Es gäbe noch einiges zu berichten aus dem einstigen Wartenburg und auch zu hinterfragen.
Wo kommt der Name her?
Wir warten auf unsere Burg (Bürgerwarten). Barczowa/Wartenburg hatte eine!
Was bleibt, was kann man daraus machen?
Auf alle Fälle ist Barczewo mal eine Reise wert.
Unser Dank gilt Magdalena und den anderen Bewohner, die uns so freundlich empfangen haben und uns ihre Stadt zeigten.
(Günter Korge)
-
Das Abendrot ist in etwa identisch!
-
Die ehemalige evangelische Kirche
-
... heute ein Kultur- und Versammlungszentrum
-
Die Katholische Pfarrkirche St. Anna
-
St. Anna
-
Der ehemalige Friedhof
Ein paar Zahlen noch zum Schluss:
Einwohner:
1939: 5.841
2007: 7.336
„Wartenburg i. Ostpr.“ wurde 1945 zunächst in „Wartenbork“ umbenannt und 1946 zu Ehren des Politikers und Geistlichen Walenty Barczewski „Barczewo“.
In ca. 15 km Entfernung gibt es noch die Ortschaft „Alt-Wartenburg“, heute „Barchewko“.




0 Kommentare